Neue Zürcher Zeitung vom 23.08.99

Ausgabe vom Montag 23.08.99

Goldwäscher-Wettkampf ohne viel Glanz

6. Schweizer Meisterschaft in Willisau

bha. Willisau, 22. August

Er hört zwar nicht mehr so gut und steht etwas steif im Becken, schüttelt die Pfanne nicht mehr so kräftig wie einst, dafür sieht er immer noch gut genug, um den Flitter im Kies zu entdecken. Und er lacht gerne, der 83jährige Ferdinand Bösch, genannt Ferdi International, der alte, viel herumgekommene Goldsucher, und zeigt dabei sein Gebiss mit den Goldzähnen, von denen einer sogar mit Gold aus dem Napfgebiet hergestellt worden ist. Und nun steht er schon wieder hier, diesmal auf der Käppelimatt bei Willisau, Hochburg der Goldwäscher, deren Schweizerische Vereinigung ihr 10-Jahr-Jubiläum feiert und die 6. Schweizer Meisterschaft - diesmal mit über 200 Wettkämpfern aus 10 Nationen - organisiert hat.

Sieben Tonnen Kies mit Goldflitter

Nicht der Rausch des Goldes hat ihn getrieben, vielmehr die Freude, alte Freunde zu treffen, der Genuss der Geselligkeit. Damals im Dschungel von Panama, erzählt er, habe er gelernt, was nach einem Goldfund zu tun sei, und verschliesst mit einer Handbewegung den imaginären Reissverschluss zwischen seinen Lippen. Hier in der hügeligen Napflandschaft Willisaus liegt zuwenig Gold im Kies, um tödlichen Neid hervorzurufen: Für den Goldwasch-Wettkampf haben die Organisatoren sieben Tonnen Kies herangeschafft, der in Plastic-Eimer abgefüllt wird. Kurz vor dem Start bestimmt die Jury die Anzahl Goldflitter, welche darin versteckt werden. Das Kies wird damit «geimpft», ein leeres Röhrchen, die Phiole, obendraufgelegt. Die Goldsucher besetzen eines der 20 Becken, welche von einem die Senke durchfliessenden, umgeleiteten Bächlein mit Wasser gespeist werden, und suchen so schnell wie möglich das versteckte Gold, füllen damit das Röhrchen. Jeder verlorene Flitter wird mit fünf Minuten bestraft.

Die WM 2003 vielleicht in Willisau

Für die meisten der rund 350 einem Verein angehörenden und über 700 freien Goldwäscher ist das Schütteln und Schwenken ihrer Goldwaschpfanne nicht mehr als ein naturverbundenes Hobby, bei dem man sich in Geduld üben muss: Höchstens ein Gramm finde man nach einem langen Tag im Napfgebiet, sagt Walter Büchli, Präsident des Organisationskomitees und seit fünf Jahren Goldwäscher. Das entspreche etwa einem Tageslohn von 36 Franken - kein Wunder, gibt es seit der Jahrhundertwende keine «Golder» mehr. Höchstens der Willisauer Toni Obertüfer könnte sich noch als solchen bezeichnen, doch auch er lebt nur indirekt vom Gold, indem er als Koordinator der Schweizer Meisterschaften wirkt, Kurse veranstaltet, Schulklassen empfängt und einen Goldwasch-Laden führt. Sein nächstes Ziel: Die Weltmeisterschaften 2003 sollen in Willisau stattfinden. Ende Woche könnte das Städtchen im Luzerner Hinterland anlässlich der diesjährigen WM in der Tschechien den Zuschlag erhalten.

Zurückhaltung beim Publikum

Für das Auge bietet der Sport aber nur wenig, und auch das Insiderpublikum hält sich zurück; nur wenige Anfeuerungsrufe sind zu hören. Die Goldwäscherinnen und -wäscher zeigen je nach verwendeter Pfanne unterschiedliche Waschtechniken, sitzen dabei auf der Umrandung, stehen breitbeinig oder gekrümmt im bis über die Knie reichenden Wasser. Die einen tragen Fischerstiefel, die anderen steigen barfuss ins Wasser. Emotionen zeigt nur die Bernerin Marlise Lüdi, die amtierende Weltmeisterin: Sie reckt schon nach wenigen Minuten triumphierend die Faust und schreit, als hätte sie ein Tor geschossen. Sie habe wohl alle Flitter gefunden, kommentiert ein Zuschauer trocken. Das Finale gewonnen haben schliesslich Rudolf Aeschbacher und Monika Leu.

Noch glänzt das Goldwaschen in der Sportwelt zuwenig, um genügend Sponsoren anzulocken. Der OK-Präsident, Walter Büchli, ist deshalb glücklich, mit nur gerade 30 000 Franken Budget für das zweitägige Fest ausgekommen zu sein. Ein Defizit sei kaum wahrscheinlich.

Neue Zürcher Zeitung, 23. August 1999